Behandlungsfehler Hausarzt / Allgemeinmedizin

 

Als „erste Anlaufstelle“ in der Primärversorgung und zumeist auch langjährige Vertrauensperson des Patienten sind „klassische“ Kunstfehler bzw. Behandlungsfehler bei einem Hausarzt und Allgemeinmediziner zumeist eine unzureichende Anamnese; ferner, wenn es der Hausarzt unterlässt, seinen Patienten in eine entsprechende fachärztliche Behandlung zuzuweisen.

So ist beispielsweise das Nichterkennen einer bakteriellen Infektion trotz eindeutiger Anzeichen als grober Behandlungsfehler infolge unzureichender Anamnese anzusehen.

 

Grobe Behandlungsfehler infolge der nicht oder nicht rechtzeitigen Zuweisung des Patienten in eine fachärztliche Behandlung hat die Rechtsprechung beispielsweise bejaht hinsichtlich eines Patienten, dessen veränderte EKG-Werte und Beschwerden auf einen unmittelbar bevorstehenden Herzinfarkt hindeuteten, und den der Hausarzt nicht sofort zu einer Herzkatheteruntersuchung ins Krankenhaus einwies (OLG Bamberg, Urt v 4. 7. 2005 – 4 U 126/03).

 

Ferner in einem Fall, in dem sich für den Hausarzt eine schwerwiegende Verdachtsdiagnose in Form eines Mediainfarkts aufdrängte, er indes unterlies, den Patienten über die Notwendigkeit einer sofortigen Abklärung und Untersuchung zu beraten (BGH, Urt v 24. 6. 1997 – VI ZR 94/96).

 

Auch handelt ein Allgemeinmediziner grob fehlerhaft, wenn er bei den Vorsorgeuntersuchungen U 6 und U 7 eines Kleinkindes einen auffallend großen und von der sogenannten 97er Perzentile nach oben hin abweichenden Kopfumfang feststellt und es unterlässt, weitere diagnostische Schritte einzuleiten (OLG Oldenburg, Urt v 20. 4. 1999 – 5 U 188/98).

 

Auch in einem Fall, in dem wegen eines groben Behandlungsfehlers des Allgemeinarztes die medizinisch gebotene Therapie einer Nierenfunktionsstörung verspätet eingeleitet worden war mit der Folge, dass der Patient sich möglicherweise früher als sonst erforderlich einer Dialysebehandlung unterziehen muss, kommen dem Patienten Beweiserleichterungen hinsichtlich des Kausalverlaufs zugute; dies selbst dann, wenn die genaue Diagnose der Nierenfunktionsstörung (hier: Glomerulonephritis oder maligne Hypertonie) auch bei richtigem Vorgehen nicht gestellt worden wäre (BGH, Urt v 29. 3. 1988 – VI ZR 185/87).

 

Umgekehrt kann dem Hausarzt nicht unzureichende Diagnostik und Befunderhebung vorgeworfen werden, wenn er die dafür gebotene Einschaltung von Fachärzten durch Überweisungen veranlasst hat (vgl. OLG Oldenburg, Urt v 3. 2. 1998 – 5 U 77/98).

 

Ferner stellt die Nichteinhaltung aseptischer Vorkehrungen ein leichtfertiges Verhalten des Arztes dar, das als grober ärztlicher Behandlungsfehler zu werten ist. Weitere Behandlungsfehler des Hausarztes können in der Grundversorgung chronisch kranker Patienten, insbesondere Diabetikern und Bluthochdruckpatienten in der Akut- und Langzeitversorgung begründet sein; ebenso Fehler in der Prävention (durch Impfung) und der Rehabilitation.

Ebenso hat die Rechtsprechung einen Behandlungsfehler in einem Fall bejaht, in dem eine medikamentöse Therapie nicht beendet wird, obwohl erkennbar vom Hersteller bezeichnete Nebenwirkungen (allergische und toxische Hautreaktionen) auftreten, die der behandelnde Arzt hätte erkennen können und müssen (OLG Zweibrücken, Urt v 28. 4. 1982 – 7 U 25/78).